Janosch Oehme

Am Nachbartisch wird laut über Mode aus zweiter Hand referiert. „Ey, ich liebe den Diakonieladen. Wirklich. Aber in was für einer Welt lebe ich bitte, in der ich mir für 25 Cent gebrauchte Tangas kaufen soll? Ich hoffe die Zeiten kommen nie.“ Das wäre in der Tat schrecklich. Kaum auszuhalten. Aber solange Konsumverzicht eine Entscheidung und keine Notwendigkeit ist, kann man das natürlich stolz vor sich hertragen. „Ich könnte, aber ich tu‘s nicht“ ist cool. „Ich würde, aber ich kann‘s nicht“ bleibt uncool. Pech gehabt. „Dieses Jahr sind wir ja nicht in den Urlaub geflogen. Klimawandel und so. Statt in Thailand waren wir jetzt drei Wochen mit dem umgebauten Bulli in Spanien.“ Oooooh! „Dieses Jahr konnten wir wieder nicht in den Urlaub. Armut und so. Statt Tapas und Paella gab‘s weiter TK und Konserve.“ Uuuuuh!
Die Kellnerin bringt die Pommes, der Systemwandel muss warten. Kapitalismuskritik nur zwischen den Mahlzeiten, bitte. Sonst vergeht einem ja der Appetit.

Zwischen Bordsteinkanten, Bauzäunen beinahe unsichtbaren Gässchen, auf der Suche nach Pommes und den letzten Eiskugeln des Sommers: Janosch Oehme erkundet Lübeck im rollenden Sitzen und macht sich dabei Gedanken über Kapitalismus und gesellschaftliche Teilhabe.

Janosch Oehme wurde 1987 als Kind zweier Menschen geboren. Er verlegte seinen dauerhaften Wohnsitz bereits als kleiner Junge von der Pfalz in den Norden, um sich in Ruhe Kindheit und Adoleszenz widmen zu können. Er mag Lärm und blinkende Lichter, deshalb führte ihn der einzig logische Weg nach der Schule vom Dorf in die Stadt, in die Nacht. Damit die Biografie aber nicht allzu austauschbar und beliebig blieb, zertrümmerte er sich bei einem Unfall zwei Halswirbel. Es muss ja spannend bleiben. Seitdem sieht er sich die Welt im Sitzen an, macht sich Gedanken dazu und schreibt sie auf.